Ubuntu 16.04 nach einem Monat

Vor ca. einem Monat wurde Ubuntu 16.04 freigegeben. In den Release Notes und in diversen Tests wurde damals auf etliche Probleme und Kinderkrankheiten hingewiesen. Heute habe ich nochmals eine Neuinstallation von Ubuntu 16.04 vom offiziellen ISO-Image durchgeführt, wobei ich die Installationsoption Herunterladen der Aktualisierungen aktiviert habe, damit ich von Anfang an ein möglichst aktuelles und fehlerfreies Ubuntu erhalte. Das Ergebnis ist leider ernüchternd.

Die Probleme beginnen damit, dass während der Installation keineswegs alle verfügbaren Updates installiert werden. Nun gut, das lässt sich beheben. In einem Terminalfenster habe ich das Update manuell durchgeführt. (GUI-Freunde können das natürlich auch mit der Aktualisierungsverwaltung erledigen, aber mir sind Kommandos nun mal lieber.)

sudo apt update
sudo apt full-upgrade

Anschließend habe ich gleich noch diverse Multimedia-Codecs installiert:

sudo apt install ubuntu-restricted-extras

Menüs werden nicht angezeigt

Einige Leser haben mich in den letzten Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass bei diversen Programmen (z.B. LibreOffice) keine Menüs angezeigt werden. Zuerst wollte ich es nicht glauben — ich hatte damit bisher auf keinem meiner eigenen Installationen ein Problem — aber dann bin ich auf den folgenden Launchpad-Bug-Report gestoßen:

https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/unity/+bug/1532226

Demnach betrifft das Problem zahlreiche Personen (fast 180 haben sich die Mühe gemacht, Yes, this bug affects me anzuklicken). Der Bug-Bericht hat unzählige Duplikate. Der Fehler wird mittlerweile auch in den Release Notes erwähnt:

https://wiki.ubuntu.com/XenialXerus/ReleaseNotes#Unity_7

Das Nicht-Anzeigen von Menüs macht die Bedienung von Programmen wie LibreOffice eigentlich unmöglich. Da ist es schwer begreiflich, dass dieser Fehler noch immer ungelöst ist, zumal der Bug-Bericht bereits im Jänner (!) verfasst wurde. Das Problem scheint aber die schwierige Reproduzierbarkeit zu sein — selbst auf betroffenen Rechnern fehlen die Menüs anscheinend nur bei ca. jedem dritten Start.

Immerhin gibt es eine Notlösung, um das Problem zumindest bis zum nächsten Reboot zu umgehen: Dazu drücken Sie [Alt]+[F2], geben unity ein und drücken [Return]. Damit wird das Desktop-System Unity neu gestartet — und offensichtlich zeigt es nun verlässlich alle Menüs an. (Alle laufenden Programmen laufen weiter.)

Update 31.5.2016: Zu diesem Bug gibt es mittlerweile einen Fix, der mit den regulären Updates installiert wird. Ich kann nicht überprüfen, ob das Problem damit gelöst ist, weil es auf meinen Installationen nie aufgetreten ist.

Standby-Modus funktioniert nicht

Meine Leser haben von einem weiteren Problem berichtet. Das Aufwachen aus dem Standby-Modus funktioniert nicht immer. Auch diese Angelegenheit wurde natürlich schon im Internet thematisiert:

http://askubuntu.com/questions/761758/ubuntu-16-04-lts-cannot-suspend-fails-on-suspending

Der dazugehörige Bug-Bericht weist ca. 50 60 Kommentare auf, 140 150 Ubuntu-Anwender, die bis in die Tiefen des Launchpads vorgedrungen sind, bezeichnen sich als von dem Bug betroffen:

https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/linux/+bug/1566302

Selbst hat mich zum Glück auch dieser Bug verschont — vermutlich, weil meine Notebooks allesamt nicht mehr ganz neu sind.

Kommentar 22 schlögt zur Behebung des Problems die Installation eines neueren Kernels vor. Kommentar 59 enthält eine Anleitung zur manuellen Installation eines 4.6er-Kernels. Für manche Ubuntu-Anwender scheint dies das Problem zu lösen, für andere nicht.

Offizielle Lösung gibt es auch in diesem Fall fünf Wochen nach der Freigabe von Ubuntu 16.04 keine. Zuständig fühlt sich offenbar auch niemand (assigned = unassigned). Somit gilt wohl auch in diesem Fall: Die Hoffnung der betroffenen Ubuntu-Anwender auf einen baldigen Bugfix ist gering.

Update 5.6.2016: Dieser Bug wurde am 4. Juni zuerst auf invalid und dann auf won’t fix gestellt — mit der Begründung, dass der Bug-Bericht hier falsch zugeordnet ist. Aus meiner Sicht ist das ein Zeichen bürokratischer Willkür, wie man sie von einem schlecht geführten Ministerium erwarten würde (oder von zu groß gewordenen Software-Firmen). Der Bugbericht stellt eine wertvolle Sammlung von Informationen zu einem wichtigen Problem für viele Ubuntu-Anwender dar; eine Menge Anwender haben sich Mühe gegeben zu erklären, bei welcher Hardware und unter welchen Umständen das Problem auftritt. Es wäre definitiv sinnvoller, den Bug zu beheben als ihn an dieser Stelle für ungültig zu erklären.

VirtualBox-Treiber

Sollten Sie angesichts dieser Probleme auf die Idee kommen, Ubuntu vorerst eben nur in einer virtuellen Maschine auszuführen, werden Sie vermutlich auch nicht ganz glücklich werden. Nach der Installation der Virtualbox-Treiber (Systemeinstellungen, Modul Anwendungen & Aktualisierungen, Dialogblatt Zusätzliche Treiber) erscheint beim nächsten Login die Fehlermeldung VBoxCliend Failed to connect to the VirtualBox kernel service rc=VERR_ACCESS_DENIED. Die Fehlermeldung wird offenbar durch fehlerhafte VirtualBox-Kernelmodule verursacht.

VirtualBox-Treiberprobleme
VirtualBox-Treiberprobleme

https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/linux/+bug/1571156
https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/virtualbox/+bug/1572001

Der Status des Bugbericht lautet zwar fix released, aber das kann ich nicht nachvollziehen. Zur Lösung des Problems müssen die mitgelieferten VirtualBox-Kernelmodule gelöscht und anschließend (über das virtualbox-guest-dkms-Paket) neu kompiliert werden:

cd /lib/modules
rm $(find -name 'vbox*.ko')
apt install virtualbox-guest-dkms

Wartungsfragen (ubuntu-support-status)

Vor einem Monat hat heise.de kritisiert, dass die LTS-Update-Garantie nur für vergleichsweise wenige Pakete gilt.

Parallel dazu hat sich herausgestellt, dass das Kommando ubuntu-support-status nicht wirklich zuverlässig funktioniert. Es soll Auskunft darüber geben, wie lange es für die installierten Pakete noch Updates gibt. Im dazugehörigen Bug-Report wurde Besserung versprochen — aber seither ist es in dieser Angelegenheit still geworden:

https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/update-manager/+bug/1574670

Eine Hilfestellung bei der Analyse, woher die installierten Pakete einer Ubuntu-Installation eigentlich kommen, kann mein Script packagelist geben (siehe Die LTS-Frage).

Behobene Probleme

Damit hier nicht der Eindruck entsteht, dass ich nur lamentiere, zuletzt noch ein paar positive Aspekte. Einige Probleme, die mir während der ersten Wochen mit Ubuntu 16.04 aufgefallen sind, sind erfreulicherweise behoben:

  • Das Programm Ubuntu Software installiert nun auch Debian-Paketen von Drittanbietern (Skype, Teamviewer & Co.).
  • Darüberhinaus kann Ubuntu Software sogar Snap-Pakete installieren — vorausgesetzt, Sie verfügen über ein Ubuntu-One-Konto (»Ubuntu Single Sign-On«).
  • Auch die Integration des ownCloud-Clients in das Panel funktioniert mittlerweile.

Fazit

Ich verwende Ubuntu 16.04 nun schon seit der Beta-Phase auf diversen Rechnern und Servern und habe damit fast ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Aber: ich bin beim Hardware-Kauf sehr konservativ, und ich kann mir bei Problemen im Regelfall selbst helfen.

Gleichzeitig fällt es mir immer schwerer, Ubuntu 16.04 im gegenwärtigen Zustand Linux-Einsteigern für den Desktop-Betrieb zu empfehlen. It just works — das war einmal. Dass es bei einer neuen Distribution oft Kinderkrankheiten gibt, ist ja (leider) klar. Aber wenn einen Monat nach einem LTS-Release nicht erkennbar ist, dass Ubuntu/Canonical aktiv an der Lösung dieser Probleme arbeitet, dann ist dies deprimierend.

Wie sind Ihre Erfahrungen?

Wenn Sie positive oder negative Erfahrungen mit Ubuntu 16.04 gemacht haben, dürfen Sie hier gerne einen Kommentar verfassen oder mir persönlich eine Mail schreiben (kontakt – at – kofler – dot – info).

Eine ganze Menge solcher Kommentare sind auf meiner Hauptseite kofler.info eingetrudelt, auf der ich diesen Artikel ebenfalls veröffentlicht habe.