Ubuntu 17.10

Ubuntu 17.10 »Artful Aardvark« (Release-Datum 19.10.2017) ist das interessanteste Ubuntu-Release seit vielen Jahren: Mit Ubuntu 17.10 hat sich Canonical nicht nur von Unity getrennt, sondern hat auch gleich Wayland zum Default-Grafiksystem gemacht.

Der neue Ubuntu-Desktop. Im Vordergrund die Gnome-Systemeinstellungen, im Hintergrund das gnome-tweak-tool.

Versionsnummern

Basis           Desktop            Programmierung    Server
--------------  ------------------ --------------    --------------
Kernel    4.13  Gnome        3.26  bash       4.4    Apache     2.4
glibc     2.26  Firefox        56  gcc        7.2    CUPS       2.2
X-Server  1.19  Gimp          2.8  Java       8/9    MySQL      5.7
Wayland   1.14  LibreOffice   5.4  PHP        7.1    OpenSSH    7.5
Mesa      17.2  Thunderbird    52  Python     3.6    qemu/KVM   2.8
Systemd    234                                       Postfix    3.2
NetworkMan 1.8                                       Samba      4.6
GRUB      2.02 

Anmerkungen: Die openjdk-9-Pakete (»Java 9«) stehen nur in der universe-Paketquelle zur Verfügung, werden also nicht offiziell gewartet. Als einzige der großen Linux-Distributionen setzt Ubuntu weiterhin auf MySQL. (Debian hat ja mit Stretch auf MariaDB gewechselt.) MariaDB-10.1-Pakete gibt es bei Bearf in der universe-Paketquelle.

Modifiziertes Gnome

Ubuntu verwendet erstmalig seit vielen Jahren wieder ein weitgehend unverändertes Gnome-System. Ein paar kleine Modifikationen gibt es aber, um den Umstieg von Unity nicht schwerer als nötig zu machen:

  • Standardmäßig ist eine von Canonical adaptierte Variante von Dash to Dock installiert. Die Erweiterung Ubuntu Dock zeigt das Dock am linken Fensterrand an, wobei der Unity-Look weitestgehend erhalten bleibt. In den Systemeinstellungen kann die Breite des Docks eingestellt werden, ebenso die Position (links, unten oder rechts) und der Auto-Hide-Modus.

  • Die Erweiterung Ubuntu AppIndicators unterstützt die Anzeige der Ubuntu-Indikatoren sowie der Icons von Programmen wie Dropbox direkt im Panel.

  • Ubuntu verwendet eigene Fenster-Buttons (inklusive Maximieren und Minimieren). Diese sind nun wieder rechts angeordnet. Sie können mit dem gnome-tweak-tool unkompliziert auch links platziert werden.

  • Die Aktivitäten-Ansicht muss explizit durch eine Tastenkombination oder einen Mausklick aktiviert werden. Es reicht nicht aus, den Mauszeiger in das linke obere Eck zu bewegen.

  • Ubuntu verwendet eigene Icons und eigene Shell Themes.

Über das Für und Wider des Umstiegs von Unity auf Gnome habe ich in Aus Gnome mach Unity ja schon geschrieben. Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile, wenn sich Ubuntu näher am Linux-Mainstream positioniert. Aber natürlich gibt es auch Nachteile: Gnome verschwendet im Vergleich zu Unity zwei Zeilen Platz, was auf kleinen Notebook-Bildschirmen ärgerlich ist. (In Unity wurde bei maximierten Fenstern die Fensterleiste samt Menü in das Panel integriert. In Gnome braucht das Panel, die Fensterleiste und schließlich das Menü jeweils eine eigene Zeile.) Ade sagen müssen Sie auch dem Gastmodus und den HUD-Menüs.

Um die Gnome Shell Extensions in Firefox zu verwalten, müssen Sie beim ersten Besuch der Seite der Installation einer Firefox-Erweiterung zustimmen und außerdem manuell apt install chrome-gnome-shell ausführen. Nach einem Neustart von Firefox können Sie dann weitere Extensions installieren und, wenn Sie möchten, die von Ubuntu vorgesehen Extension deaktivieren.

Verwaltung der Gnome Shell Extensions in Firefox

Wenn Sie das originale (»Vanilla«) Gnome wünschen, müssen Sie das Paket gnome-session installieren. Nach einem Rechner-Neustart (oder des Gnome Display Managers) können Sie zwischen dem originalen Gnome- und der Ubuntu-Variante wählen. (Danke an Andre für den Hinweis.)

Auswahl zwischen Ubuntu- und Vanilla-Gnome-Session, jeweils mit xorg oder Wayland

Wayland

Standardmäßig verwendet Ubuntu nun Wayland. Es ist aber noch nicht sicher, dass das auch für Ubuntu 18.04 LTS gelten wird — das hängt von den Erfahrungen mit Ubuntu 17.10 und vom Feedback der Benutzer ab. xorg steht auf jeden Fall weiter zur Verfügung. Wenn Sie xorg als Grafiksystem verwenden möchten, brauchen Sie lediglich beim Gnome-Login den entsprechenden Eintrag auswählen.

Nach meinen Erfahrungen funktioniert Wayland gut und stabil, sofern Sie nicht auf die proprietären NVIDIA-Treiber angewiesen sind. Die in meinem Blog-Beitrag Fedora und Wayland aufgezählten Einschränkungen im Vergleich zu xorg gelten aber natürlich auch für Ubuntu.

High-DPI-Bildschirme (4k, Retina)

Weiterhin unbefriedigend ist die Unterstützung hochauflösender Bildschirme. In den Systemeinstellungen sieht der Dialog Geräte / Bildschirme zwar die Möglichkeit vor, eine zwei- oder dreifache Skalierung auszuwählen (also 100%, 200% oder 300% ohne Zwischengrößen). Bei meinen Tests hat das nicht funktioniert: Der Bildschirm wurde schwarz, anschließend musste ich mich neu einloggen. Die Skalierung blieb bei 100%. Auch gsettings set org.gnome.desktop.interface scaling-factor 2 hatte keinerlei Wirkung. Diese Option ist in Gnome offensichtlich nicht mehr vorgesehen.

Deutlich besser funktionierte die auf omgubuntu beschriebene Option zur Aktivierung der noch experimentellen Unterstützung anderer Skalierungsfaktoren. Dazu führen Sie in einem Terminalfenster das folgende Kommando aus:

gsettings set org.gnome.mutter experimental-features "['scale-monitor-framebuffer']"

Anschließend können Sie die Skalierung in 25%-Schritten zwischen 100% und 200% einstellen.

Desktop von Ubuntu 17.10 auf einem 4k-Monitor mit 150% Skalierung

Trotz des experimentellen Charakters habe ich damit gute Erfahrungen mit der Funktion gemacht. Beispielsweise wurden damit auch die Fenster-Buttons und die Icons von Gimp korrekt skaliert, was mir in der Vergangenheit noch nie zufriedenstellend gelungen ist. Es besteht also Hoffnung, dass dieses Feature in der nächsten Gnome-Version und somit wohl auch im nächsten Ubuntu offiziell zur Verfügung steht.

32-Bit-Version ade

Das ISO-Image für die Desktop-Installation steht nur noch für 64-Bit-Plattformen zur Verfügung. Es werden zwar weiterhin auch 32-Bit-Pakete gepflegt (insbesondere für Ubuntu-Derivate wie Xubuntu, Lubuntu & Co.), aber eine unkomplizierte Desktop-Installation auf einem 32-Bit-Rechner ist nicht mehr möglich. Es wird vermutlich nur wenige Leute geben, die diese Option vermissen werden.

Neue Netzwerkkonfigurationsdateien (Netplan)

Ich weiß nicht, was alle Welt gegen /etc/network/interfaces (ENI) hat. Von all den distributionsspezifischen Dateien zur Netzwerkkonfiguration fand ich die Debian-Variante bei weitem die einfachste und übersichtlichste Variante.

Zuletzt wurde das Konzept allerdings von Raspbian verworfen. Beim aktuellen Raspbian Stretch laufen alle Fäden beim DHCP-Client dhcpcd zusammen, die Konfiguration erfolgt in /etc/dhcpcd.conf (siehe auch hier).

Nun folgt Ubuntu 17.10: Dort enthält /etc/network/interfaces nur noch die zwei Zeilen zur Konfiguration der Loopback-Schnittstelle. Für die Ethernet- und WLAN-Schnittstellen ist hingegen die Ubuntu-Eigenentwicklung netplan (Paketname nplan) zuständig. Netplan ist genau genommen ein Netzwerk-Backend, das auf Desktop-Systemen mit dem NetworkManager kommuniziert, auf Server-Systemen mit networkd aus der systemd-Welt. Die Konfiguration erfolgt durch *.yaml-Dateien im Verzeichnis /etc/netplan. (YAML ist eine einfache Syntax für Konfigurationsdateien, siehe die Wikipedia.)

Auf Desktop-Systemen reicht die folgende Konfigurationsdatei aus, damit alle Netzwerkschnittstellen durch den NetworkManager gesteuert werden:

# Datei /etc/netplan/01-network-manager-all.yaml
# der NetworkManager soll sich um alle Netzwerkschnittstellen
# kümmern
network:
  version: 2
  renderer: NetworkManager

Desktop-Anwender werden vom Umstieg auf Netplan gar nichts bemerken. An der Benutzeroberfläche ist ja weiterhin der NetworkManager für die Konfiguration des Ethernet- und WLAN-Adapters zuständig.

Anders sieht es unter Ubuntu Server aus: Wer eine individuelle Netzwerkkonfiguration durchführen möchte, muss sich an die neue netplan-Syntax gewöhnen. Standardmäßig sieht die Konfiguration für eine Ethernet-Schnittstelle an einem DHCP-Server wie folgt aus:

# Datei /etc/netplan/01-netcfg.yaml
# Schnittstelle enp0s3 via DHCP konfigurieren
network:
  version: 2
  ethernets:
    enp0s3:
      dhcp4: true

Praktische Erfahrungen

Auf meinen Testrechnern funktionierte Ubuntu 17.10 überraschend rund. Auf einem Rechner hatte ich Installationsprobleme beim grub2-efi-Setup. Das Problem hatte aber vermutlich nichts mit Ubuntu zu tun, sondern damit, dass das VFAT-Dateisystem der EFI-Partition defekt war (warum auch immer). Nach der Bereinigung durch dosfsck gab es keine weiteren Probleme mehr.

Meinen positiven Erfahrungen zum Trotz zählen die Release Notes relativ viele Probleme auf. Auch wenn es in einem halben Jahr ein einfaches Update auf die Version 18.04 geben wird, ist Ubuntu 17.10 somit bestenfalls für erfahrene Linux-Anwender im Produktiveinsatz empfehlenswert. Alle anderen Ubuntu-Fans sollten noch ein halbes Jahr Geduld aufbringen und auf Ubuntu 18.04 warten.

Quellen und Links